09.07.20

Ungewöhnliche Adoption bei den Totenkopfäffchen

Seit Ende April hatten vier Totenkopfäffchen in der Wilhelma in Stuttgart Nachwuchs. Doch muss man schon mehrmals hinschauen: Nur drei Weibchen ziehen Jungtiere auf. Dafür hat Lissi doppelt schwer zu tragen. Gleich zwei Babys hängen an ihrer Brust. Dabei ist auch sie nur einfache Mutter geworden – Zwillinge sind bei diesen südamerikanischen Primaten selten. Ein anderes Weibchen muss ihr Kleines direkt nach der Geburt an Lissi übergeben haben.

„Bei den Totenkopfäffchen ist es üblich, dass Tanten und ältere Schwestern des Neugeborenen die frischgebackene Mutter entlasten und das Jungtier herumtragen, aber zum Säugen müssen sie es zu ihr zurückbringen, weil sie selbst keine Milch haben“, erklärt Marianne Holtkötter, Kuratorin für die Affen im Zoologisch-Botanischen Garten. „Daher ist es außergewöhnlich, dass eine Mutter, die ein eigenes Baby zu versorgen hat, ein zweites adoptiert und als Amme stillt.“ Bei Lissi klappt das prima. Beide Jungtiere entwickeln sich gut. Aber sie hat alle Hände voll zu tun, denn die Sprösslinge wachsen schnell und trinken immer noch bei ihr, obwohl sie schon gut die halbe Größe der Erwachsenen erreicht haben.

Die in Bolivien und Brasilien beheimateten Schwarzkappen-Totenkopfäffchen werden bei grob einem Kilo Körpergewicht rund 30 Zentimeter groß. Ihr Schwanz misst nochmal um die 40 Zentimeter. Sie durchstreifen den Regenwald auf der Suche nach Nahrung und verlassen die Baumkronen kaum. Bei der Wahl des Futters zeigen sie sich flexibel: Eier, Frösche und Kleinvögel zählen ebenso dazu wie Früchte und Samen.

Während in der Natur in den großen Gruppen der Totenkopfäffchen die Mutter meist leicht erkennbar und der Vater ungewiss bleibt, ist in der Wilhelma dieses Mal das Gegenteil der Fall. In der 17-köpfigen Gruppe ist unklar, wer die leibliche Mutter des zweiten Schützlings von Lissi ist. Sicher ist nur, dass die Jungtiere Halbgeschwister sind. Denn die Vaterschaft ist unstrittig. Als Teil des Europäischen Erhaltungszucht-Programms (EEP) für diese Affenart setzt die Wilhelma jeweils einen Zuchtmann ein, den der EEP-Koordinator aufgrund von Genen und Verwandtschaftsverhältnissen empfiehlt. So kam 2017 Illampu aus dem südfranzösischen Zoo de La Barben bei Aix-en-Provence nach Stuttgart. An der Aufzucht beteiligen sich die Väter allerdings grundsätzlich nicht. Für Lissi ist Illampu trotz Doppelbelastung also keine Hilfe.

„Die Totenkopfäffchen gehören in der Wilhelma immer zu den Publikumsmagneten, bei Nachwuchs ganz besonders“, sagt Holtkötter. „Weil die Corona-Pandemie noch nicht ausgestanden ist, bitten wir zu Disziplin bei der Maskenpflicht vor den Außengehegen von Affen und Raubtieren. Diese Tiergruppen können sich erwiesenermaßen beim Menschen mit COVID-19 anstecken.“ Die geselligen und quirligen Totenkopfäffchen halten ihrerseits keinen Mindestabstand ein und kommen oft zu den Besucherinnen und Besuchern direkt ans Gitter. „Von den Äffchen lässt man sich schnell in den Bann ziehen. Umso wichtiger ist es, dass die Gäste ihren Mund-Nasen-Schutz richtig tragen und die Tiere nicht füttern“, betont die Kuratorin. „Es wäre bitter, wenn wir durch Nachlässigkeit Tiere verlieren würden.“ (kni)

Pressefotos

Bild 1: Totenkopfäffchen Lissi säugt zwei Jungtiere: ihr eigenes und ein adoptiertes. Foto: Wilhelma

Bild 2: Mit der Betreuung von zwei Jungtieren hat Lissi alle Hände voll zu tun. Foto: Wilhelma Stuttgart

Bild 3: Meist haben Totenkopfäffchen pro Wurf nur ein Jungtier. Foto: Wilhelma Stuttgart

Bild 4: Vorsichtig geht ein Jungtier alleine auf Klettertour. Foto: Wilhelma Stuttgart

 

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